








Special thanks to: Hanna Brugger and Christoph Kummerer for the music
Zu den Arbeiten von Sissa Micheli
Sind das Selbstportraits oder spielt uns die Künstlerin hier etwas vor? Schon auf den ersten Blick sieht sich der Betrachter mit dieser Frage konfrontiert. Eine klare Antwort gibt es darauf nicht, denn Sissa Micheli vermischt autobiografische mit fiktiven Elementen. Die Grenzen der Sujets Selbstportrait und Selbstinszenierung werden durchlässig, so dass die Suche nach der eigenen Identität formal beginnen kann. Inhaltlich umkreist Micheli dieses zentrale Thema in Darstellungen von Kindheitserfahrungen, Erinnerungen, Reisen und Träumen. Gefühlszustände wie Traurigkeit, Resignation, Isolation und Nostalgie erhellt sie für einen (fotografischen) Moment. Wie Stills aus einem Kurzfilm reihen sich die Bilder zu einer Geschichte aneinander. Für den Betrachter lässt Micheli zwischen den einzelnen Bildern oder Filmkadern auf der narrativen Ebene genügend Platz, damit dieser ihn mit Stills aus seinem eigenen Gedanken-Film füllen kann. Titel wie “please don’t tell anybody” oder “i’m sorry, i can´t stay here any longer” wenden sich vertrauensvoll an den Rezipienten wie die Zeilen eines Popsongs.
Daniela Billner
Seit 2003 produziert Micheli Bildessays (wie etwa “please do not tell anybody” als ersten dieser Art), die ebenfalls häufig an Orten mit sehr dichter Atmosphäre entstehen. Sie bedient sich verschiedener Erzähltempi und -modi; es gibt poetischere, elliptische Abfolgen oder zielgerichtetere, filmisch ablaufende. Die Bildfolgen vermitteln aber nur selten einen nacherzählbaren Plot, denn ihre narrative Struktur rekurriert oft auf Erinnerungen; also individuell gespeicherte, vergangene Geschehnisse bzw. emotionale Zustände, deren Komplexität sich nicht nur in der Dauer ihres Erlebens, sondern eben auch in einer späteren Erinnerung daran entfaltet, die nicht nach einer linearen Chronologie strukturiert sein muss. Damit funktionieren die Bilder wie Zeilen eines Gedichtes: zwar in einer bestimmten (Lese)Richtung und nach einem Rhythmus gereiht, ohne aber unbedingt zu einem narrativen Ergebnis zu führen; stattdessen ermöglicht es ein genau bemessener Abstand zwischen den Einzelbildern, den entstehenden Raum imaginativ zu füllen. In die einzelnen Bilder wird man über Repoussoiremotive, verhangene oder gerahmte Durchblicke geführt (bei “please do not tell anybody” sind die weit nach hinten fluchtenden Fussböden einem bewusst niedrigen, kindgerechten Kamerastandpunkt verpflichtet). Als Akteurin zeigt uns Micheli allerdings vor allem ihren Rücken, ihr abgewandtes oder verhülltes Gesicht – sie verlässt ihre Bühne auf viele, auch metaphorische Weisen, mitunter auch ganz prosaisch mit symbolträchtig gepacktem Koffer. Obwohl als zentrale Motive ihrer Darstellungen Resignation, Trauer, Isolation, Verletzung und Abschied lesbar sind, kommen Michelis Aufführungen ohne Pathos aus, denn sie verzichtet auf schauspielerische Attitüden. Es handelt sich jedesmal unverkennbar sie selbst, in ihrer auch privat getragenen Kleidung – und doch gehen ihre narrativen Szenarien weit über Selbstdarstellung hinaus [10].
[10]
“Sind das nun Selbstporträts oder spielt uns die Künstlerin hier etwas vor?” beginnt etwa ein Text von Daniela Billner: Silvia Micheli, Bilder aus der Serie “i am sorry, i can’t stay here any longer”, in: Camera Austria, Ausgabe Nr. 88, Graz 2004, S. 62f. Vgl. auch einen Text von Ana Berlin in: Sissa Micheli, keep it secret, Kat. Galerie Foto-Forum, Bozen 2005, S. 9.
aus: Marie Röbl im Katalog zur Ausstellung SIMULTAN. Zwei Sammlungen österreichischer Fotografie, Museum der Moderne, Salzburg, 2005, S.252.
Bisher sind 24 Serien entstanden.